Steampunk: die Zukunft der Vergangenheit

Früher war sowieso alles besser, vor allem die Zukunftsvisionen. Seit Jules Verne und H.G. Wells träumen Science-Fiction-Autoren von der Zukunft*, die immer drei oder vier Schritte weiter reichte als das, was gerade möglich war. Also arbeitete man zuerst mit Dampfmaschinen und Luftschiffen, bevor sich dann, mit dem Fortgang der realen technischen Entwicklung, auch elektrische Zukünfte denken konnte. In den letzten Jahren jedoch ist die Dampfmaschinen- und Luftschiff-Utopie bei den modernen Futuristen, gelangweilt von einer Gegenwart, die jetzt schon das gute alte Star Trek an ein paar entscheidenden Punkten überholt hat, wieder sehr in Mode gekommen. Deswegen gibt es jetzt auch einen Namen dafür: Steampunk, also Cyberpunk, gekreuzt mit Dampfmaschinen.

Begründer des Genres an sich (als Sub-Genre des Science Fiction) ist Cyberpunk-Begründer William Gibson, der in den 1990er Jahren zusammen mit dem Kollegen Bruce Sterling ‘Die Differenzmaschine’ schrieb, einen Science-Fiction-Roman, der in einer Art alternativem 19. Jahrhundert spielt, in der Ada Lovelace und Charles Babbage ihren Proto-Computer tatsächlich gebaut haben, und sich in Folge dessen die Technik völlig anders entwickelt hat. Sowohl die Werte als auch die Ästhetik sind aber voll und ganz dem 19. Jahrhundert verhaftet; auch die Geschichte selber, und die Erzählweise, lehnen sich sehr an die tatsächliche (Sensations-)Literatur der Zeit an.

Diese Dichtotomie von altertümlicher Ästethetik und moderner bis abseitiger Technik macht in Folge das Charakteristikum des Steampunk aus, und rettet sogar im Nachhinein Kulturerzeugnisse, die bei ihrer Entstehung lediglich mit einem hallenden ‘Was zum Geier soll denn das sein??’ begrüßt worden waren: David Lynch’s Verfilmung von ‘Dune’ aus den 1980er Jahren, zum Beispiel, oder der schauerlich anti-historische Dracula-Film ‘Van Helsing’, bei dem man sich vorher nur einig war, daß er witzig zum Anschauen, aber inhaltlich unglaublich gequirlter Unsinn ist. Unter dem Label ‘Steampunk’ jedoch finden alle beide plötzlich Kontext und Daseinsberechtigung.

Inzwischen ist die Liste der Steampunk-Roman und -Filme schon sehr lang geworden, so daß man sie gar nicht mehr einzeln aufzählen kann; diese Art des Retro-Futurismus hat sich fest in der Ästhetik unserer eigenen Epoche festgesetzt; eigentlich jeder kommt damit in Berührung, ohne unbedingt zu wissen, daß man dazu ‘Steampunk’ sagen kann. Das reicht von Casemoddern, die ihre Computer auf 19. Jahrhundert stylen, mit Messing und Mahagoni, bis hin zur Musik, wo sich etwa die Band Abney Park aus Seattle einer Mischung aus Violinen, Weltmusik und Elektronik verschrieben hat, die sie selber ‘Steampunk’ nennen, und die auch so funktioniert: bis hin zu der Wissenschaftsgläubigkeit und dem freudigen Atheismus und Antiklerikalismus, die ebenfalls das Denken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts prägten, und die in den Texten dieser Band wiederauferstehen.

Man hat also die Auswahl, und kann freudig kombinieren, wie die stilistischen Versatzstücke der Gründerzeit: persönlich finde ich es etwa witzig, daß die unglaubliche Genre-Häufung einer ‘Steampunk-Detektivgeschichte, angesiedelt in einer alternativen Historie, mit zusätzlichen Vampiren’ funktionieren kann, was Elizabeth Bear mit ihrem Buch ‘New Amsterdam’ bewiesen hat, oder erheitere mich an Bakelit-Telefonen mit moderner Mobilfunktechnik im Innenleben: Steampunk-Ästhetik ist definitiv im Mainstream angekommen, und die Zukunft aus der Vergangenheit ist unsere Gegenwart.-

* Ja, ich weiß, Zukunftsgeschichten gab es schon früher; manche sagen, den Anfang der Science Fiction läge bei Lukian; ich bin jetzt halt mal konservativ und lasse die Vorläufer in Ruhe.

Posted by maru on Donnerstag, Januar 29, 2009