Purismus

In den letzten Jahren haben wir in der Musik viel Crossover und abenteuerliche Mischungen gesehen, die auch wirklich Spaß machen; ohne einen kleinen Stilbruch wird jede kommerzielle Mainstream-Musikrichtung doch ziemlich langweilig. Rap ist doch unerträglich ohne die Würze von Weltmusik—ein bißchen Rai oder Bhangra drin macht die Sache interessant; Heavy Metal kann man nur hören, wenn etwas klassische Musik drin ist; und öde Opern aus dem 19. Jahrhundert werden immerhin noch mit kontroversen Inszenierungen gerettet, so daß der Belcanto nicht einschläfernd wirkt. Aber manchmal, gerade bei exotischeren Musikarten, muß es inzwischen doch auch mal wieder die Reinform sein.

Es ist sicherlich angebracht, Einflüsse aus allen Richtungen des Globus einzubinden, und ich bin sicher nicht die einzige, die sich beim Konzert einer Heavy-Band mit klassischer Sopranistin in den Waschräumen versteckt, während die Vorgruppe spielt, deren Sound pur und ernsthaft das darstellt, was meine gute Freundin Sally aus Wales mit ‘leopard stuck in a foundry’ umschreibt.

Aber, erfahren wie wir sind mit Crossover und Weltmusik: jetzt sind wir reif genug, das Fremde an sich auch mal in Reinkultur auszuhalten. Afrikanische Trommeln, ohne Beimischung irgendwelcher Re-Importe von jenseits des Atlantik; mal kein ‘Mittelalter-Rock’, sondern die selbstgebaute Nyckelharpa in all ihrer disharmonischen Schönheit; die unirdischen Schreie der Trommler im japanischen Nô-Theater beim Ausholen (sie sammeln Energie für den Schlag auf die große Trommel, wie der kiai bei den japanischen Kampfkünsten) einmal nicht als (beliebtes) Soundbite irgendwo anders, sondern in ihrem originalen Kontext; eine Belcanto-Aufnahme von den Anfägen des Grammophons, mit altmodischen Eigenarten und Verzierungen, die heutzutage als Unarten angesehen werden; A-Capella-Gesang aus der Renaissance ohne die Einmischung eines Saxophons; traditionelle Zigeuner-Musik* ohne Jazz-Elemente; oder fünf ernsthafte Musikwissenschaftler, die versuchen, die musikalischen Untermalung römischer Gladiatorenspiele zu rekonsturieren.

Wir sind jetzt kulturell gereft und vernünftig, und brauchen keine Synthi-Weichspülung für die Rezitationen buddhistischer Lamas mehr. Her mit den Originalen!


Zwei völlig subjektive Empfehlungen:

Musica Romana – Pugnate

Aktuelle Inspiration für diesen Blog-Eintrag. Das Booklet für die CD ist so dick, daß sie nicht in die handelsübliche Verpackung paßt, und in winzigem Kleindruck wird einem ganz genau erklärt, was man hört, und wie die Wasserorgel rekonstruiert wurde.

Alessandro Moreschi—The Last Castrato The Complete Vatican Recordings

Aufgenommen in den Jahren 1902 und 1904, also inzwischen deutlich über hundert Jahre alt, sind diese Aufnahmen nicht nur das einzige Dokument einer ausgestorbenen Spezies von Musikern, sondern auch ein wichtiger Orientierungspunkt für das Verständnis klassischen Gesang europäischer Prägung. Die Aufnahmen selber klingen teilweise gräßlich; das muß man aushalten können.


* Oh, bitte, wir kennen alle die korrekten Bezeichnung! Ich meine die verschiedenen nomadischen Stämme, die irgendwann im Mittelalter von Indien Richtung Europa aufgebrochen sind, um mit Musik, Korbflechten und Messerschleifen Geld zu verdienen, und deren wandernder Einfluß jedwede europäische Volksmusik von Rußland bis Spanien überhaupt erst zum Leben und Blühen gebracht hat. Ich werde jetzt aber nicht die Harmonie meines Satzbaus zerstören, indem ich politically correct alle Stammesnamen aufzähle.-

Posted by maru on Dienstag, April 21, 2009