Rückschritt
Meine beste Freundin wollte Blut sehen nach der Überdosis an alten Damen, Gesundfutter und Blockflötenmusik, denen sie an Weihnachten ausgesetzt war; also haben wir an Sylvester aus Beständen ein relativ unspektakuläres Filmchen mit dem Titel ‘Der 13. Krieger’ angeguckt. Blut floß reichlich. Ekligere Dinge auch…
Nunja, was mir aber an der eigentlich harmlosen Beowulf-Neuinterpretation (das Monster wird zu einem Stamm überiggebliebener Steinzeitmenschen) beim Wiedersehen so auffiel, war die Perspektive. Wir sehen diese Wikinger (frühe Angelsachsen, whatever) aus der Perspektive eines zivilisierten Menschen dieser Zeit, den es unter die Barbaren verschlägt. Dieser zivilisierte Mensch, dargestellt vom einzigen ‘Star’ unter der Besetzung, nämlich Antonio Banderas, ist—ein muslimischer Araber aus Bagdad.
1999, als der Film gemacht wurde, hatte keiner irgendwelche Zweifel, daß sich das Publikum mit einem Araber identifizieren kann, der Schweinefleisch und Alkohol ablehnt (keine gute Idee bei einem Wikingerbankett, da bleibt nichts übrig, was man zu sich nehmen kann!) und vor der letzten Schlacht seine Waffen ablegt und knieend zu Allah betet. Natürlich konnte das Publikum—die Wikinger sind Vollbarbaren, und man lernt nur langsam, ihre primitiven abergläubischen unappetitlichen Gebräuche zu akzeptieren und sie auch als Menschen zu sehen. Das ist es, was den Film überhaupt interessant macht.
Der Film ist die Adaption eines Buchs von Michael Chrichton, das als eine Art studentische Fingerübung entstanden war—das vorhandene Fragment eines Reiseberichts des Arabers Achmed Ibn Fadlan fortzusetzen, im selben Tonfall und mit dem selben befremdeten kulturellen Abstand, und dabei die Handlung zu einer ‘realistischen’ Variante des Beowulf-Mythos zu entwickeln. Das Buch hält den Ton des Originals sehr gut durch und ist eine interessante Variation des Themas, einen allbekannten Inhalt klassischer Bildung zu verfremden und mit interessanten Wendungen neu umzusetzen.
Irgendetwas sagt mir, daß kein Hollywood-Studio jetzt, gut 10 Jahre später, dieses Buch noch verfilmen würde, Michael Crichton oder nicht. Oder sie würden aus dem muslimischen Araber einen christlichen byzantischen Griechen machen. Moslem aus Bagdad als Identifikationsfigur—geht gar nicht!
Ich empfinde das als Rückschritt, und fand es interessant, daß mir das auffiel. Viel zu leicht unterliegt man doch der jeweils herrschenden Mehrheitsmeinung, und übernimmt die Vorurteile, die einem täglich aus den Medien entgegengeblasen werden. Es war deshalb doch gut, den Film mal wieder anzuschauen.
Der Film ist momentan nur auf Blu Ray neu zu bekommen, aber über eBay oder Amazon Marketplace allenthalben gebraucht erhältlich; auch das Buch ist auf Deutsch vergriffen. Das bestätigt wohl eher meine Auffassung…
Posted by maru on Sonntag, Januar 03, 2010