Von weltweit führenden Zensoren verboten

James Cameron’s ‘Avatar’, der Film-Hype des aktuellen Jahreswechsels, ist eigentlich ein Filmchen; trotz gigantomanischer Kosten und noch riesiger Einspielergebnisse ist es inhaltlich ein Leichtgewicht, das nur längst bekanntes wiederkäut. Wenn bei Berthold Brecht die Neuerzählung bekannter Geschichten noch einen Verfremdungseffekt und die Konzentration auf die Botschaft bewirken sollte, dann ist bei ‘Pocahontas in Blau’ die Botschaft so trivial wie die Story, und läßt der Aufmerksamkeit freien Blick auf das, worum es eigentlich geht:—die computergenerierte Welt in 3D, und ihre hübschen Biolumineszenseffekte. Oder?

Daß der Film vielleicht doch etwas relevanter sein könnte als bislang angenommen, drängt sich dem unvoreingenommenen Betrachter erst auf, wenn er erfährt, wer alles dagegen ist. Nachdem zuerst der Vatikan den Film kritisiert hatte, war das ja noch eher lustig. Nun ja, dachte man sich, da wird wohl einigen gesetzten älteren Kardinälen von den 3D-Effekten übel geworden sein, und nachdem sie mit graubleichem Gesicht aus dem Kino wankten, beschlossen sie dann: “Nah, dös gfoit uns ned!” Anders kann ich mir nicht erklären, warum diese Herrschaften die Darstellung des real existierenden Animismus bemängelten. Wer bis zum Ende bleibt, der bekommt mit, daß es sich bei der ‘Göttin’ um ein planetenweites neuronales Netz sämtlicher Lebewesen Pandoras nach dem Muster der Gaia-Hypothese handelt, der Film also mit einer wissenschaftlichen Erklärung das funktionierende Heidentum entzaubert. Sehr richtig – es ist Science Fiction, nicht Fantasy, und Cameron und seine Leute haben sich über den wissenschaftlichen Effekt Gedanken gemacht, wenn auch nicht genug, wie manche Biologen bemängeln. Nein, den Kardinälen war offensichtlich schlecht, so haben sie das nicht mitgekriegt und dachten, da sind Heiden. Das ist verzeihlich. Zumal wegen einer Äußerung des Vatikan wohl kaum weltweit zehntausende von Katholiken an die Kinokassen stürmten, um die bereits gekauften Karten zurückzugeben.

Wesentlich ernsthafter ist schon das Quasi-Verbot in China. Das liegt daran, daß der chinesischen Führung anscheinend der Aspekt der Zwangsumsiedlung sauer aufgestoßen ist, sie also die Zerstörung des ‘Home Tree’ der Na’vi mit den Zerstörungen uralter gewachsener Zusammenlebensformen im Rahmen des Immobilienbooms in Chinas Städten gleichsetzen. Da liegt es nahe, den Film gleich aus allen ‘normalen’ Kinos zu entfernen und statt dessen einen Film über das Leben des Konfuzius zu zeigen: – eine echte Strafe! Die chinesische Führung ist nicht der Vatikan und kann so etwas von jetzt auf gleich veranlassen, und alle müssen sich dran halten. Eine 3D-Vorstellung können sich auch eher nur die reicheren Chinesen leisten, also die Gentrifizierungs-Gewinner, die sich von den blauen Indianern eher nicht zum Widerstand inspiriert fühlen könnten.

Da ist es schon nicht mehr erstaunlich, wenn die US-Konservativen den Film unpatriotisch finden, denn anscheinend sieht jeder in dem Film das Feindbild seiner Wahl. Dabei sagt Avatar nichts, was nicht schon hunderte von Büchern und Filmen in den letzten Jahrzehnten wieder und wieder gesagt hätten, und das auch noch massentauglich weichgespült. Vielleicht ist es das: – wegen des Blockbuster-Status schauen Leute (Amerikaner, Chinesen, Katholiken und andere) den Film an, die sonst nicht unbedingt einen Film mit Öko-Botschaft angucken würden. Und wenn von den Massen, die ins Kino rennen, um sich einfach nur unterhalten lassen, auch nur jeder Tausendste auf eine Weise das Denken anfängt, wie er es sonst nicht getan hätte, dann ist das ein memetischer Erdrutsch. Da können die amerikanischen Konservativen und die chinesischen Machthaber wirklich schon mal anfangen, sich zu fürchten.

Der Vatikan hat aber wirklich gar nichts zu befürchten. Glaubt mir. Ich habe den Film gesehen.-

Posted by maru on Mittwoch, Januar 20, 2010